Dinge die ich niemals tun werde: Meinen Twitter Account löschen
Publiziert am 17.12.2010
Twitter ist eine sehr wandelbare Plattform. Sie ist so flexibel wie ihre „Bewohner“, die Twitterer, die Tag für Tag die Timelines der Welt füllen und bereichern. Doch unter diesen Twitterern befinden sich Aussteiger, in deren Kopf der Gedanke an Account-Löschung herumschwirrt.
In letzter Zeit sieht man es wieder zu Hauf, dass sich große Twitterer löschen. Vor allem solche mit mehreren hundert Verfolgern, die bei diesen dann ein großes Loch zurücklassen. Fragt man dann nach Gründen, liest man häufig von der Veränderung der Twitter momentan unterliegt. Dass ein Gefühl fehle, das Twitter vor kurzem noch vermittelte und nun fort ist, da die Plattform immer größer und durch die Streaming API noch rasanter wird. Immer öfter werden auch Streitereien in der Twittersphere ausgetragen und sind für die Follower somit beinahe in Echtzeit miterlebbar. Das macht so manches Mal den Spaß und die Gemeinschaft kaputt, die den Charakter von Twitter dominieren.
Aber ist es dennoch der richtige Weg, gleich seine komplette „Twidentität“ aufzugeben? Etwas überzogen dargestellt ist der eigene Twitteraccount wie ein Online-Leben. Zwar kann ich beliebig oft ein neues Leben starten und bei Bedarf auch mehrere gleichzeitig führen. Doch startet man mit einem neuen Account wieder von Null. Follower, die man längst lieb gewonnen hat, gehen verloren und oftmals findet sich nur ein überschaubarer Kreis der engsten Freunde wieder. Der Großteil der treuen Gefolgschaft ist erst einmal verloren, bis sie vielleicht erneut auf den Account aufmerksam wird.
Was sehr geschäftlich und distanziert klingt, entspricht trotzdem der Wahrheit und jeder weiß es: Wenn ich twittere möchte ich Menschen kennenlernen und durch mehr Menschen irgendwie vorran kommen, wie auf einer unsichtbaren Karriereleiter. Selbstverständlich ist diese Leiter wesentlich persönlicher und hat kaum etwas mit einem Aufstieg in einer (Firmen-)Hierarchie gemein. Und trotzdem existiert ein Bestreben „wichtige“ Hürden zu nehmen. Den 100. Follower begrüßen, den 1000. Tweet schreiben und dergleichen mehr. Diese Hürden fühlen sich an wie die kleinen Geburtstage des Twitterlebens und so zelebrieren viele Twitterer diese Momente z.B. mit Widmungen besonders lieb gewonnener Verfolger.
Sich der Gemeinschaft der Twitterer nach einiger Zeit schlagartig wieder zu entziehen – seinen Account aufzugeben – kommt am besten der Aufkündigung aller Reallife-Freundschaften gleich. Ein sozialer Suizid, vor dem einzigen Hintergrund der Angst vor Veränderung. Vor der Veränderung zu fliehen ist absurd, denn ihr unterliegt selbst der beste und engste Freundeskreis im Reallife. Davor kann sich niemand schützen und wer versucht, dies online zu tun, meidet wohlmöglich einfach nur eine leicht angespannte Situation, die aber auch nach kurzer Zeit überwunden sein kann ist.
Neben der schnellen Veränderung von Twitter ist auch die Angst eines Abdriftens immer häufiger der Grund zur Account-Löschung. Manche Twitterer befürchten, zu viel Zeit auf online zu verbringen und dadurch Kontakte im Reallife zu vernachlässigen und soweit im Internet abzutauchen, dass man alles andere vergisst. Es ist sicher gefährlich, sich immer weiter zurückzuziehen und seine sozialen Kontakte nur noch online auszuleben, da zum Leben eben mehr gehört als ein bisschen (mehr) Schriftverkehr. Doch nach einiger Zeit sollte man ein gutes Gefühl dafür bekommen, inwiefern sich Twitter wohlmöglich ins Reallife integrieren lässt. Man sollte beiden Freundeskreisen einfach Zeit einräumen und sich so beidem hingeben. Denn was ist schöner, als sowohl im Reallife als auch Online viele Vertraute zu haben und sich wohlzufühlen? In weiten Teilen des alltäglichen Lebens lässt sich Social Media auch prima mit dem normalen sozialen Umgang kombinieren, z.B. indem man die Reallife-Freunde an Twitter teilhaben lässt, lustige Tweets vorliest, von neuen Bekanntschaften erzählt, Ereignissen mit Kommilitonen und Mitschülern twittert und mit all dem Kontakt zwischen beiden „Welten“ herstellt. So können beide Bereiche der eigenen Persönlichkeit ohne weiteres verbunden werden, führen so zu einer großen Bereicherung auf beiden Seiten und es gibt keinen Grund einen Teil seines Charakters aufzugeben.
Letztlich entscheidet selbstverständlich jeder selbst, wie viel Zeit er auf Twitter verbringen will und ob es ihm wohlmöglich zu viel wird und eine Löschung notwendig ist. Doch wer seinen Account aufgibt, begeht in meinen Augen auf eine gewisse Weise digitalen Suizid, da man Teile seiner Persönlichkeit auf der Strecke lässt. Und für so etwas habe ich kaum Verständnis. Kaum ein Ereignis ist es wert, sich selbst aufzugeben. Es ist doch das einzige Ich, das man hat.