Das Plagiat von und zu Guttenberg

Seit Tagen ist es in den Medien und immer größer wird die Liste der plagiierten Fundstellen in der Dissertation von Karl Theodor zu Guttenberg: Unser derzeitiger Verteidigungsminister hat für seine 2009 veröffentlichte Doktorarbeit so manches aus fremden Texten zusammengetragen, viele Stellen aber nicht auch entsprechend gekennzeichnet. Dass das so weite Kreise zieht, ist im Kern wohl Dr. Barbara Zehnpfennig zu verdanken, die gleich in der Einleitung von Guttenbergs Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag“ ein sehr langes nicht markiertes Zitat eines ihrer, in der FAZ veröffentlichten, Artikel fand. Guttenberg beginnt also seine eigene Doktorarbeit mit uneigenem Text, ohne dies auch nur am Rande zu erwähnen, geschweige denn es als Zitat auszuweisen und so mancher pikiert sich zu Recht. 

Die Praxis des Plagiierens ist sicherlich nichts Neues, auch (oder vor allem?) nicht in Doktorarbeiten. Wahrscheinlich gibt es in fast jeder Doktorarbeit einige unzureichend markierte Zitate – sei es aus Fahrlässigkeit oder aus vollem Vorsatz. Das ist ja auch zunächst erstmal unerheblich. Fakt ist: Es entspricht nicht der einwandfreien wissenschaftlichen Arbeit jede Zitation entsprechend zu kennzeichnen und die verwendete Quelle zu nennen. Und da es sich beim Doktortitel um einen der höchsten akademischen Grade handelt, sollte man dabei auch mit größter Sorgfalt vorgehen und sich der Tragweite eines Verstoßes bewusst sein. Ansonsten hat man den Titel schlichtweg nicht verdient und zu Unrecht erworben.

Außerdem ist Guttenberg eine Person des öffentlichen Lebens. Er ist eine Führungspersönlichkeit und bekleidet eines der höchsten politischen Ämter in Deutschland. Von den Führungspersönlichkeiten unseres Landes ist durchaus zu erwarten, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen, da wir unser politisches Vertrauen ihre Hand legen. Mit Karl Theodor trat seit Jahren mal wieder ein Politiker auf den Plan, der großes Carisma hat, eine vertrauensvolle und souveräne Ausstrahlung besitzt und diese durchaus auch medienwirksam einzusetzen weiß. Neben seiner Frisur war sein gesamter Auftritt bisher nahezu aalglatt und die Tatsache, dass Guttenberg sich derart im guten Ton vergriffen hat, ist insofern natürlich bestürzend.

Da man nun endlich eine Ecke am sonst so runden Guttenberg gefunden hat, wird diese natürlich auch voller Eifer von den Medien attackiert. So ein Skandal ist ein gefundenes Fressen für die Presse, doch auch der Ottonormalbürger macht (zum Beispiel im GuttenPlag-Wiki) fleißig mit, möglichst auch die letzte plagiierte Stelle in der Dissertation Guttenbergs zu finden. Und um den so entstandenen Rummel entsteht nun ein noch größerer Rummel. Es steht die Frage im Raum, ob es denn überhaupt sein muss, dass man die Doktorarbeit derart zerpflückt und unseren Verteidigungsminister immer weiter bloßstellt, wo wir doch vermeintlich Wichtigeres beklagen sollten.

Auf jeden Fall. Die Bloßstellung entsteht im Grunde erst dadurch, dass man auf im GutenPlag-Wiki so penibel jede Seite der Dissertation mit der virtuellen Lupe genau beschaut. Und genau dies ist zwingend notwendig. Ob jetzt die Universität Bayreuth und die dort damit betraute Kommission oder die Internetgemeinde die Prüfung des Textes übernimmt ist völlig unerheblich. Lediglich das Endurteil über den Fortbestand des Doktortitels des Herrn zu Guttenberg hat die Kommission zu fällen. Und ich bin sicher, dass sich sogar die Kommission der Bayreuther Universität des GuttenPlag-Wikis bedient, um zu prüfen, ob die Promotionsurkunde verdient ist oder nicht.

Sicherlich wird das Gremium zu dem Schluss kommen, dass Karl Theodor die Doktorwürde wieder aberkannt wird. Der mediale Druck ist schließlich nicht unerheblich und da die Plagiat-Sammlung im Internet für jedermann einsehbar ist, ließe sich in keinster Weise ein Festhalten an der Vergabe des Doktortitels rechtfertigen.

Nach Zwischenbericht des GuttenPlag-Wiki vom 21. Februar sind 21,5% der Dissertation als plagiiert identifiziert worden. Bei den 21,5% und somit 3521 von 16325 Zeilen handelt es sich laut GuttenPlag um „auf Plausibilität geprüfte Stellen“, die zwar „noch nicht doppel verifiziert“ seien, aber dennoch auch keine völlig zu Unrecht belasteten Segmente sind.

Die Bewertung der GuttenPlag-Betreiber zu der großen Menge der Fundstellen lautet wie folgt (und ich zitiere):

„Aus den in diesem Zwischenbericht dokumentierten Plagiaten lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:

  • In der Dissertation wurden in erheblichem Ausmaß fremde Quellen verwendet, die nicht als Zitat gekennzeichnet wurden. Dies ist eine eklatante Verletzung der wissenschaftlichen Arbeitsweise.
  • Die zahlreichen textuellen Anpassungen der Plagiate, die Tatsache, dass die Plagiate über die ganze Dissertation hinweg zu finden sind, und die Tatsache, dass selbst die Einleitung kopiert wurde, lassen darauf schließen, dass diese Plagiate kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden.“

Vgl. http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Zwischenbericht

Diesen Zwischenfazit kann ich eigentlich nur zustimmen. Es ist schlichtweg nicht mehr davon auszugehen, dass Guttenberg fahrlässig handelte. Und genau und der Umfang der plagiierten Stellen machen die Affäre so blamabel. Vorsätzlich den wissenschaftlichen Ethos so zu vernachlässigen und mit Füßen zu treten ist unerhört und die freie und im Voraus getroffene Entscheidung Guttenbergs, sich den Doktortitel von der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth sofort wieder aberkennen zu lassen ist das Mindeste, was in dieser Situation zu tun war. Wahrscheinlich greift er damit dem Unvermeidlichen nur vor, denn der gesunde Menschenverstand sagt, dass auf dieser Basis die Doktorarbeit auch der kommissionellen Prüfung der Bayreuther Universität nicht standhalten wird.

Der Brass über den Medienrummel um eine einzelne Doktorarbeit ist eigentlich auch nachvollziehbar – es ist schließlich Guttenbergs Doktorarbeit und nur die Kommission der Universität wird am Ende darüber entscheiden. Als Führungspersönlichkeit der deutschen Regierung ist er allerdings auch den ihn beautragenden Bürgern schuldig, Rede und Antwort zu stehen. Wer seinen Doktortitel derart hinterlistig erwirbt, dem kann man auch aus politischer Sicht kaum Vertrauen entgegen bringen immer alles mit bestem Wissen und Gewissen (z.B. für die ihm anvertrauten Soldaten in Afghanistan) zu tun.

Ob Guttenberg deshalb nun auch seine politischen Ämter aufgeben sollte, steht obgleich des fehlenden Urteils der kommissionellen Prüfung der Arbeit, zur Frage. Der Verteidigungsminister hat sein hohes Vertrauen verloren und mit dieser Affäre in einem Land, das weltbekannt ist für hervorragende wissenschaftliche Arbeit, auch an der Spitze nichts zu suchen. Und da spricht aus mir auch der Student, der selbst noch eine, wohlmöglich sogar zwei große wissenschaftliche Arbeiten vor sich hat, bevor er selbst einen akademischen Grad tragen darf. Karl Theodor geht einfach mit schlechte(ste)m Beispiel vorran und da ist es kaum verwunderlich (sondern nur pflichtgemäß), dass man an seiner Dissertation ein Exempel statuiert.

Es gibt größere Probleme als die Doktorarbeit eines hohen Politikers. Doch es gibt kaum höhere Ämter, die der Mann in Deutschland bekleiden könnte. Und die sollten wir auch nur mit vertrauenswürdigen Persönlichkeiten besetzen, die einer genauen hintergründlichen Prüfung en summe standhalten. — Das ist bei Karl Theodor zu Guttenberg nicht der Fall.

  • http://pattafeufeu.de PattaFeuFeu

    First of all: Sehr toller Blogeintrag (und: ich liebe diese Schriftart hier *_*)
    Du beschreibst sehr gut deine Meinung zum Thema und erklärst auch für die, die sich bisher noch nicht genauer mit der Thematik auseinander setzen (wie ich zum Beispiel…), was genau Sache ist.
    Danke für den guten Eintrag! =)

  • Inari

    Der Artikel gefällt mir sehr gut :) Die Aussage ist klar geäussert und verständlich belegt (sic!) Ich bin beeindruckt von deinem Schreibstil!

  • ZolmanZ

    Mir gefällt dies besonders
    “Als Führungspersönlichkeit der deutschen Regierung ist er allerdings auch den ihn beautragenden Bürgern schuldig, Rede und Antwort zu stehen. Wer seinen Doktortitel derart hinterlistig erwirbt, dem kann man auch aus politischer Sicht kaum Vertrauen entgegen bringen immer alles mit bestem Wissen und Gewissen (z.B. für die ihm anvertrauten Soldaten in Afghanistan) zu tun.”

    Das werde ich natürlich in meine Gedanken aufnehmen. Sehr viele sind der Meinung das sowieso alle Politiker lügen, da passt dieser Satz ganz gut.

    Gut geschrieben.

    MfG ZolmanZ

  • ZolmanZ

    “Wenn er nun statt Jura – Medizin studiert hätte & statt Politiker – Herzchirurg geworden wäre,hätte man einem solchen Mann auch eine geklaute Doktorarbeit durchgehen lassen?

    MfG ZolmanZ

  • http://www.nathalie-schulz.de Nathalie

    Ich bin nicht ganz deiner Meinung. Auf der einen Seite ist der Diebstahl geistigen Eigentums in der Doktorarbeit schon ein dicker Hund. Ich denke auch, dass es richtig und notwendig ist, ihm den Doktortitel abzuerkennen weil er die dafür nötige Leistung nicht erbracht hat.

    Dennoch finde ich nicht, dass zu Guttenberg aus seinem Amt entfernt werden sollte.
    Ich komme zu diesem Standpunkt, weil ich den Menschen irgendwo verstehen kann. Vor Kurzem habe ich zum ersten Mal eine Facharbeit geschrieben und weiß nun, wie furchtbar man sich fühlt, wenn man einem Thema nicht gewachsen zu sein scheint und dann noch unter Zeitdruck gerät.
    Ich habe zwar nicht mutwillig kopiert, kann mir aber durchaus vorstellen, dass es Verletzungen der wissenschaftlichen Arbeitsweise gegeben hat. Wenn zu Guttenberg also Panik hatte und sich einfach zu viel zugetraut hatte, könnte ihn das zum Kopieren veranlasst haben. Natürlich ist dies keine Entschuldigung und es ist auch unstrittig, dass er den Titel ablegen sollte.
    Doch hinter seinem Amt ist auch zu Guttenberg nur ein Mensch. Und Menschen machen Fehler. Die Aussage eines Oppositions-Politikers, man könne keinen Lügner in einem hohen Amt belassen, finde ich völlig unangebracht. Jeder, aber wirklich _jeder_ hat schon mal gelogen – auch bei einer größeren Sache. Da soll mal einer ankommen und mir sagen, es wäre bei ihm nicht so.
    Ich finde, dass zu Guttenberg eine zweite Chance verdient hat – weil er ein Mensch ist und aus diesem Vorfall vermutlich viel gelernt hat.

  • http://janwillhaus.de Jan Willhaus

    Liebe Nathalie.
    Natürlich hat jeder Mensch eine zweite Chance verdient. Aber Guttenberg ist nicht bereit seine erste Chance überhaupt aufzugeben. Er krallt sich mit aller Macht an die angeblich doch so guten Umfragewerte und das Vertrauen großer Teile der Bevölkerung. Die mag auch immer noch gegeben sein, da wohl so mancher nicht so wirklich mit dem immateriellen Wert einer Doktorarbeit anzufangen weiß. Ebenso wenig mit dem Wert der anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, von denen Guttenberg geklaut hat.
    Genau aus diesem Grund ist eigentlich ein Vergleich mit etwas sehr materiellem, wie Geld sehr treffend. Es geht um das Eigentum fremder und hätte Guttenberg den nicht entsprechend zitierten Autoren statt ihrer Worte nun 5000€ gestohlen, dies zunächst geleugnet und dann langsam Stück für Stück immer weiter eingeräumt, so hätte man ihn auch der vorsätzlichen Lüge bezichtigt und er wäre als Minister entfernt worden.
    Es geht mir ja gar nicht so sehr um die strafrechtliche Verfolgung. Das ist Sache der Uni Bayreuth und de betroffenen Autoren, die sicher noch entsprechend vorgehen werden. Es geht darum, dass hier ein Mann, der sich mit über 20% fremden Federn schmückt, eines der höchsten politischen Ämter Deutschlands bekleidet. Den Guttenberg der 5000€ stähle, würde auch zum Rücktritt gezwungen – hätte dies wohlmöglich sogar selbst initiiert.
    Doch selbst Guttenberg scheint hier den Wert eines Doktortitels zu missdeuten. Und möchte sich offenbar selbst nicht eingestehen, dass eine so große wissenschaftliche Arbeit mit den vorliegenden Schwächen/Fehlern und der anschließende „Verleumdungstanz“ viel über das Wertebild eines Menschen aussagt. Wenn sich Guttenberg der damit verbundenen Ehre und seiner Vorbildfunktion als hoher Minister bewusst wäre, würde er langsam zum Rücktritt schreiten.

    Und: Guttenberg nur deshalb im Amt zu belassen, weil ohnehin jeder schon mal gelogen hat, ist der falsche Ansatz. Das liefert Präzedenz für zig zukünftige Fälle – auf politischer Ebene ebenso wie auf akademischer. Überspitzt ausgedrückt könnte sich dann ja jeder überführte plagiierende Student zumindest immer noch einer hohen politischen Position in der Regierung Merkel sicher sein.

    Eine zweite Chance ist nicht verdient, wenn vorher die Tragweite des Fehlverhaltens bekannt ist und trotzdem allem Anschein nach vorsätzlich betrogen wird.

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