Dinge die ich niemals tun werde: Meinen Twitter Account löschen

Twitter ist eine sehr wandelbare Plattform. Sie ist so flexibel wie ihre „Bewohner“, die Twitterer, die Tag für Tag die Timelines der Welt füllen und bereichern. Doch unter diesen Twitterern befinden sich Aussteiger, in deren Kopf der Gedanke an Account-Löschung herumschwirrt.

In letzter Zeit sieht man es wieder zu Hauf, dass sich große Twitterer löschen. Vor allem solche mit mehreren hundert Verfolgern, die bei diesen dann ein großes Loch zurücklassen. Fragt man dann nach Gründen, liest man häufig von der Veränderung der Twitter momentan unterliegt. Dass ein Gefühl fehle, das Twitter vor kurzem noch vermittelte und nun fort ist, da die Plattform immer größer und durch die Streaming API noch rasanter wird. Immer öfter werden auch Streitereien in der Twittersphere ausgetragen und sind für die Follower somit beinahe in Echtzeit miterlebbar. Das macht so manches Mal den Spaß und die Gemeinschaft kaputt, die den Charakter von Twitter dominieren.

Aber ist es dennoch der richtige Weg, gleich seine komplette „Twidentität“ aufzugeben? Etwas überzogen dargestellt ist der eigene Twitteraccount wie ein Online-Leben. Zwar kann ich beliebig oft ein neues Leben starten und bei Bedarf auch mehrere gleichzeitig führen. Doch startet man mit einem neuen Account wieder von Null. Follower, die man längst lieb gewonnen hat, gehen verloren und oftmals findet sich nur ein überschaubarer Kreis der engsten Freunde wieder. Der Großteil der treuen Gefolgschaft ist erst einmal verloren, bis sie vielleicht erneut auf den Account aufmerksam wird.

Was sehr geschäftlich und distanziert klingt, entspricht trotzdem der Wahrheit und jeder weiß es: Wenn ich twittere möchte ich Menschen kennenlernen und durch mehr Menschen irgendwie vorran kommen, wie auf einer unsichtbaren Karriereleiter. Selbstverständlich ist diese Leiter wesentlich persönlicher und hat kaum etwas mit einem Aufstieg in einer (Firmen-)Hierarchie gemein. Und trotzdem existiert ein Bestreben „wichtige“ Hürden zu nehmen. Den 100. Follower begrüßen, den 1000. Tweet schreiben und dergleichen mehr.  Diese Hürden fühlen sich an wie die kleinen Geburtstage des Twitterlebens und so zelebrieren viele Twitterer diese Momente z.B. mit Widmungen besonders lieb gewonnener Verfolger.

Sich der Gemeinschaft der Twitterer nach einiger Zeit schlagartig wieder zu entziehen – seinen Account aufzugeben – kommt am besten der Aufkündigung aller Reallife-Freundschaften gleich. Ein sozialer Suizid, vor dem einzigen Hintergrund der Angst vor Veränderung. Vor der Veränderung zu fliehen ist absurd, denn ihr unterliegt selbst der beste und engste Freundeskreis im Reallife. Davor kann sich niemand schützen und wer versucht, dies online zu tun, meidet wohlmöglich einfach nur eine leicht angespannte Situation, die aber auch nach kurzer Zeit überwunden sein kann ist.

Neben der schnellen Veränderung von Twitter ist auch die Angst eines Abdriftens immer häufiger der Grund zur Account-Löschung. Manche Twitterer befürchten, zu viel Zeit auf online zu verbringen und dadurch Kontakte im Reallife zu vernachlässigen und soweit im Internet abzutauchen, dass man alles andere vergisst. Es ist sicher gefährlich, sich immer weiter zurückzuziehen und seine sozialen Kontakte nur noch online auszuleben, da zum Leben eben mehr gehört als ein bisschen (mehr) Schriftverkehr. Doch nach einiger Zeit sollte man ein gutes Gefühl dafür bekommen, inwiefern sich Twitter wohlmöglich ins Reallife integrieren lässt. Man sollte beiden Freundeskreisen einfach Zeit einräumen und sich so beidem hingeben. Denn was ist schöner, als sowohl im Reallife als auch Online viele Vertraute zu haben und sich wohlzufühlen? In weiten Teilen des alltäglichen Lebens lässt sich Social Media auch prima mit dem normalen sozialen Umgang kombinieren, z.B. indem man die Reallife-Freunde an Twitter teilhaben lässt, lustige Tweets vorliest, von neuen Bekanntschaften erzählt, Ereignissen mit Kommilitonen und Mitschülern twittert und mit all dem Kontakt zwischen beiden „Welten“ herstellt. So können beide Bereiche der eigenen Persönlichkeit ohne weiteres verbunden werden, führen so zu einer großen Bereicherung auf beiden Seiten und es gibt keinen Grund einen Teil seines Charakters aufzugeben.

Letztlich entscheidet selbstverständlich jeder selbst, wie viel Zeit er auf Twitter verbringen will und ob es ihm wohlmöglich zu viel wird und eine Löschung notwendig ist. Doch wer seinen Account aufgibt, begeht in meinen Augen auf eine gewisse Weise digitalen Suizid, da man Teile seiner Persönlichkeit auf der Strecke lässt. Und für so etwas habe ich kaum Verständnis. Kaum ein Ereignis ist es wert, sich selbst aufzugeben. Es ist doch das einzige Ich, das man hat.

  • http://silvanod.wordpress.com Silvano(_D)

    Kind of agree, Willhaus!
    Ich verstehe vollkommen, was Du meinst und stimme Dir auch zu, allerdings mit einer Einschränkung: Ich verstehe nämlich auch alle, die vielleicht schon wirklich lange bei Twitter angemeldet sind, die tolle Leute getroffen und viel Spaß gehabt haben und denen vielleicht gerade der Spaß ein wenig vergeht. Twitter sollte Spaß machen, und wenn es das nicht tut, dann ist ein ZURÜCKZIEHEN durchaus und völlig legitim. Von einer kompletten Löschung sollte man aber, da stimme ich Dir wieder zu, doch lieber absehen.
    Reallife – Online Vergleiche sind heikel, weil Dinge wie “digitaler Suizid” und “sozialer Suizid” eben nicht unbedingt vergleichbar sind – auch wenn jeder verstehen sollte, was du meinst :)
    Eins noch: Man kann ohne Probleme das Reallife mit Twitter verbinden. Man kann durchaus auch Twitter mit dem Reallife verbinden, insofern, als dass man die Leute trifft, die man online lieb gewonnen hat. Andere, nicht-Twitter, sozusagen “Twuggle” :D , an Erlebnissen mit Twitterern/bei Twitter teilhaben zu lassen ist schwer.
    Twitter kann man nicht verstehen, Twitter muss man erleben und lieben!

  • http://iHibbel.org @iHibbel

    Mhm, man muss sagen wenn man so den Text liest bestätigt sich eigentlich nur was alle meine Freunde (darunter die gelöschten @Rothairy und @super_lisa94) sagen: Twitter ist eine reine Sekte.

  • http://janwillhaus.de Jan Willhaus

    Lieber Silvano!
    Vielen Dank für dein Kommentar. Natürlich muss auch ich dir vollkommen zustimmen, Twitter muss Spaß machen, alles andere ist völlig sinnbefreit! Schließlich suche ich mir auch im Reallife keine Freunde, die mir eigentlich überhaupt keinen Spaß machen, jedenfalls würde ich nie auf die Idee kommen, diese dann als Freunde zu bezeichnen. Deshalb ist auch ein Rückzug völlig akzeptabel. Wenn man jedoch keinen Spaß mehr an seinen Followings findet, dann ist das eigentlich noch kein Grund alles niederzulegen. Schließlich beeinflusst man auf Twitter wie in jeder Freundschaft selbst, mit wem man verkehrt. Wenn ich an gewissen Menschen keinen Spaß mehr finde, dann gebe ich diese Personen auf und nicht gleich das komplette Soziale Netzwerk.
    Ich will natürlich nicht einen Suizid herunterspielen auf etwas, im Grunde so banales, wie einen Account im Internet. Aber trotzdem geht man auf Twitter tagtäglich dauerhaft miteinander um, beinahe rund um die Uhr – man führt ein Leben, online, im Internet. Den Account zu löschen kommt dem somit gleich, sich aus diesem Onlineleben zu katapultieren.
    Ich für meinen Teil habe Freunde, die sich sehr dafür interessieren, wie Twitter funktioniert und was ich dort so tue. Sie volllständig daran teilhaben zu lassen ist natürlich unmöglich, man muss selbst dabei sein, dahinter steigen, verstehen worum es geht und was es für den Einzelnen bedeutet, und dass die Bedeutung durchaus variiert. Je nach Persönlichkeit des Twitterers. Aber trotzdem erzähle ich z.B. gerne mal einen Witz den ich eben in der Timeline las. So kann man kleine Einblicke geben, in das, was dort auf Twitter vor sich geht. Das Treffen von Twitterern im Reallife empfinde ich im Grunde nicht als Verbindung von Reallife und Twitter. Es ist mehr ein Ausweiten von Twitter auf eine direkte Ebene, aber es bleibt eben Twitter. Erst, wenn man Twitterer in den Reallife-Freundeskreis integriert oder die Reallife-Menschen selbst zum Twittern bringt, ist es eine perfekte Verbindung. Insofern besteht oftmals durch die geographische Entfernung kaum eine Chance diesen Spagat zu schaffen. Jedoch kann man sich so weit wie möglich dem annähernd und beiden „Leben“ einen kleinen Austausch ermöglichen.

  • http://silvanod.wordpress.com Silvano(_D)

    Genau das denke ich auch! Rückzug bzw Entzug ist vollkommen in Ordnung, aber gleich Löschen…? Muss nicht sein =)

    Hier wäre dann jetzt im Prinzip eine Grundsatzdiskusison zu führen: Wie wichtig ist dieses Online Leben? Freunde, die zum Beispiel wegziehen wirst du wohl länge, intensiver und anders vermissen, als jemanden, der sich bei Twitter löscht. Viele würden sagen, das Online-Leben ist “nichts wert”.
    Es ist fällt mir gerade extrem schwer, das in Worte zu fassen, was ich ausdrücken will, aber ich hoffe mal, du verstehst mich:
    Dieses Online Leben ist nichts wert, aber auch das Reallife ist in diesem Sinne nichts wert. Die Wertvorstellungen in unseren Köpfen sind zumindest bei der Mehrheit der Menschen ganz eindeutig: Reallife > Online Leben
    Es klingt jetzt extrem bescheuert zu sagen, dass es vielleicht in 50 Jahren so: Reallife = Online Leben oder gar so: Reallife < Online Leben aussieht, aber ich meine: Warum nicht? Es gibt das Internet so wie wir es kennen ja erst "ein paar Jährchen", und es ist schwer zu sagen, wie es mit diesem, sich so rasant entwickelndem Netz weitergeht, aber Fakt ist doch, dass unsere aktuellen Vorstellungen von dem, was wichtig ist, auf einer Welt ohne Netz beruhen. Ich sage nicht, dass das falsch ist, oder dass mir mein Online Leben wichtiger ist, als mein Reallife, aber ich sage, dass es doch irgendwie Zukunft ist, _auch_ in diesem Netz zu leben.

    Du hast Glück mit deinen Freunden, sag' ich dir :D Vielleicht liegt das auch an den wohl unterschiedlichen Altersklassen unserer Freunde und Bekannten…
    Twitterer treffen ist für mich insofern Verbindung von Real- und Onlinelife, als dass ich die Personen, die ich online kennengelernt habe nun doch auch endlich ganz echt, live und in Farbe erlebt habe – dass getroffene Follower nicht gleich Freunde sind ist klar!

  • Pingback: Diskussion: Wie wichtig ist/wird ein Online-Leben? « Silvano_D

  • http://headsettest.bhou.net/ Kevin

    Der Facebook Like Button wuerde sich gut im Blog machen, oder ist er mir entgangen?

  • http://www.kuhsel.wordpress.com Kuhsel

    Top Artikel! Und ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen! Silvano hat mir vorraus kommentiert! ;-)

  • http://robinwill.de RobinWillDE

    Ich finde diesen Beitrag sehr gut! Großes Lob.

    Man kann ja auch einfach seinen Account ein paar Tage ruhen lassen aber doch nicht gleich den ganzen Account löschen. Danach gibt es kein zurück mehr und es werden meistens tausende von Tweets und wertvolle Nachrichten und Daten gelöscht welche nicht wiederherstellbar sind.

    Man sollte es sich überlegen und dieser Beitrag kann einem auf jeden Fall dabei behilflich sein.

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