Noch während ich mit diesem Artikel beginne, muss ich miterleben wovon ich hier berichte. Es geht um Alkohol, eine Generation, die es mittlerweile besser wissen sollte und darum, sich erst mal selbst an die Nase zu fassen.
Ich sitze gerade im Bus, denn ich besuchte heute meine gute Freundin Venja in Bremerhaven und bewältigte die rund 70km Wegstrecke dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Hin ging es im Zug. Von Sande über Oldenburg und Bremen sicherlich nicht der direkteste Weg, aber das Semesterticket ermöglicht es mir, fast alle Busse und Züge in Niedersache kostenlos zu benutzen.
Wenige Male am Tag fährt auch eine Busverbindung per Direktlinie von Bremerhaven über Sande nach Wilhelmshaven, in der ich mich gerade befinde. Eine sehr praktische Einrichtung, diese Linie, da ich sonst mit der Bahn erneut 2¹⁄₂ Stunden unterwegs wäre, für eine Strecke, die per Bundes- und Landstraße nur gut eine Stunde dauert.
So sitz ich jetzt hier, ungefähr auf halber Strecke, und komme auch zum Punkt. Denn mit mir in diesem Bus befinden sich rund 20-30 erwachsene Menschen im geschätzten Alter zwischen 30 und 55, die im betrunkenen Zustand scheinbar gerade ihre längst vergangene Jugend wieder zu erwecken versuchen. Menschen, die im normalen, nicht besoffenen Zustand vielleicht sehr nett und umgänglich sind, legen hier gerade ein Verhalten an den Tag, dass selbst bei meiner Generation, der Generation Flatrate-Saufen, weitgehend unerreicht ist.
Ich sitze mitten unter ihnen, etwas hinter dem Ausstieg und was ich trotz der InEar-Kopfhörer noch deutlich wahrnehme, sind laut gegröhlte Weihnachtslieder und Pöbeleien gegen den Busfahrer, und genau die sind es, die mich furchtbar wütend machen.
Denn der Busfahrer hat mittlerweile schon vier Mal zur Ruhe aufgefordert und mit jedem Mal dringlicher darum gebeten, dass sich doch alle hinsetzen sollen und auch anschnallen, denn mit dem Linienbus fahren wir gerade über die Autobahn. Alles was dem Fahrer daraufhin entgegenbrandet, ist kein erwachsenes Verständnis und Einsicht, sondern nur dem Alkohol entsprungene Rufe und Gelächter. Diese unflätigen Menschen machen sich über den Mann lustig, der auf der schneebedeckten Autobahn ihr Leben möglichst sicher heim bringen will soll und ich bin beeindruckt, dass er bis auf einen sehr gereizten Ton (der mehr als nachvollziehbar ist) nicht drastischer durchgriff. An seiner Stelle hätte ich längst den Bus rechts ran gesetzt und hätte die respektlose Meute vor die Tür gesetzt. Wohlmöglich tat er es nicht, weil er selbst Respekt hat. Jedoch nicht mehr vor diesen Gestalten, die seinen Bus gerade mit einer Schnapsfahne und klebrigen Flecken versehen, sondern vor dem Alkohol selbst.
Jeder weiß, wie unberechenbar ein Mensch unter Alkoholeinfluss wird, jeder hat selbst in der Jugend Erfahrungen damit gemacht, was man betrunken bereit ist zu tun – wie weit der Alkohol treibt. Mit meinen beinahe 20 Jahren spreche ich für eine Generation, die mit Flatrate-Parties und Komasaufen auf sich aufmerksam macht. Eine Generation für dich ich mich so oft schäme, wenn es um den Missbrauch von Alkohol Drogen geht. Man möge mich nicht falsch verstehen, ein Bierchen mit Freunden ist einer der schönsten Riten, die unsere Gesellschaft hervorbringt. Genau so ist gegen den ein oder anderen Tropfen auf Parties ja im Grunde nichts einzuwenden. Es lockert, man kommt einfacher aufeinander zu und sich etwas Mut anzutrinken, hat im Club noch nie geschadet. Doch was man in den Medien zu sehen bekommt, sind die schlechten Seiten des Alkohols und die Peinlichkeiten meiner Generation. Denn erst wenn Menschen durch Alkohol zu Schaden kommen, wird man darauf aufmerksam. Ist ja klar.
Als Stellvertreter dieser Generation kann ich sehr gut beurteilen, wie peinlich man sich verhält, wenn man über den bloßen Mut hinaus trinkt. Denn nach dem Mut kommt der Übermut. Diesem verfiel ich, verfielen meine Freunde, verfielen Bekannte. Jeder macht diese Erfahrung und lernt daraus. Nach einigen Jahren, wenn nach dem Körper auch der Geist ein wenig gereift ist, weiß man sich zu beherrschen, Alkohol nicht mehr zur Betäubung zu verwenden, sondern als Genussmittel. Jedenfalls sollte man diese Einsicht erwarten und so wie unsere Elterngeneration einsichtig wurde, erwartet sie selbiges nun von ihren Kindern.
Es wird dann darüber hergezogen. Wie frech und respektlos sich die Jugend doch verhält, wenn sie laut grölend und sich betrinkend in der Bahn zum Fußballspiel fährt. Wie unachtsam und draufgängerisch man doch mit der eigenen Gesundheit umgeht, wenn man jedes Wochenende voll ist wie ein Loch. Man könnte mich als Spießer bezeichnen, denn ich habe nie den Party-Exzessen gefrönt, gehe nach wie vor eher selten „auf Tour“ und beschränke meinen Alkoholkonsum auf das ein oder andere Bier in exklusiv kleiner Runde. Klasse statt Masse. Und so sitz ich dann da mit meinem Latein, wenn ich Gespräche belausche über uns, die böse böse Jugend.
Seit heute werde ich im Kopf einen Präzedenzfall parat haben. Einen Fall der beweist, dass „die Großen“ eigentlich kein Stück besser sind. Und ich pauschalisiere hier genau so, wie man es mit uns tut. Bei uns wird auch nicht darauf geachtet, dass es sich bei den öffentlichen Eskapaden wohlmöglich nur um Ausreißer handelt. Dass die große Masse der Heranwachsenden den Alkoholgenuss ganz gut unter Kontrolle hat und aus den Fehlern lernt, die sie begeht. Und so achte auch ich nicht darauf, ob es sich bei der „lustigen“ Truppe im Bus nur um ein paar Nichtgereifte handelt. Es ist mir einfach egal, ob nun alle so sind oder nicht. Denn das Bild, das die Betrunkenen hier vermitteln lädt nicht gerade zur Differenzierung ein.
Enttäuscht und vor allem wütend steige ich aus dem Bus. Mit mir ein Teil der Sauftruppe, mit lustigen Weihnachtszipfeln bemützt und ich denke darüber nach, was gerade passiert ist. Mir schießt ein Sprichwort in den Kopf. Ein Sprichwort, das jetzt Titel dieses Artikels ist. Die „Erwachsenen“ predigen Wasser. Und trinken selbst Wein. Und das an dieser Stelle nicht zu knapp. Man wirft uns jungen Unerfahrenen Dinge vor, die selbst nach 30, 40 oder 50 Jahren Lebenserfahrung nicht besser laufen. Man unterstellt uns peinliches unangemessenes Verhalten und doch wissen „die Großen“ sich mit etwas Alkohol selbst kaum im Zaum zu halten, wettern gegen Respektspersonen und hinterlassen bei Aussenstehenden einen fürchterlichen Eindruck.
Ich weiß, dass sich die Beteiligten schämen, wenn man ihnen tags darauf vorhält, was sie sich leisteten, was sie sagten und wie sie es sagten. Und deshalb wünsche ich mir, dass einer der betrunkenen Fahrgäste aus der Linie 495, die am 18. Dezember um 18:05 Uhr von Bremerhaven nach Wilhelmshaven fuhr, dies hier liest und bemerkt, was für ein schlechtes Bild er dort abgegeben hat. Am liebsten hätte ich gern den Herrn zum Leser, der während der Fahrt durch den halben Bus zu seiner Frau lief und sich von ihr eine Einkaufstüte zum Kotzen geben ließ. Das erwähne ich nur aus Respekt hier so am Rande, denn eigentlich war das der peinlichste und unansehnlichste Ausschnitt aus einer Stunde Busfahrt. Ich wünsche mir, dass ihr „lustigen“ „Menschen“ merkt, wie peinlich ihr euch verhalten und als Vorbilder auf ganzer Linie versagt habt. Außerdem habt ihr dem sehr netten Busfahrer ein beschissenes Gefühl gegeben und ihm die Fahrt nach Strich und Faden verdorben.
Und mir auch.